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Sonntagskolumne // Von Boykott und Hausparty

1/29/2017


Ich weiß genau, wenn ich das folgende gleich sagen werde, klingt es total antiquiert und abgehalftert. Aber es muss raus. Vor allem, da ich es mir die letzten Wochen immer öfter mal gedacht habe. Es ist so zwischen rein gerutscht und doch kann ich es nicht ganz von mir weisen. Also, alle mit schwachen Nerven: hinsetzen und am besten nicht gleich dazwischen funken, sonder zuhören!

Mit gerademal 18, und auf dreiviertel Strecke zur 19, ist man ja eigentlich nicht alt, sondern in der Blüte seines Lebens. In den wilden Zeiten, in denen man endlich alt genug ist, alles zu dürfen. Irgendwo ist es auch eine Schnittstelle, man beginnt sich von dem alten, bekannten zu lösen und macht sich auf in die Welt um seinen eigenen Platz zu finden. Abenteuer zu erleben, Fehler zu machen, dann wieder zurück in den Heimathafen, um die Wunden zu lecken und sich in die nächste Verrückte Geschichte zu stürzen. Es ist die Schnittstelle zum erwachen werden. Man wird so langsam ins richtige Leben entlassen. Merkt, dass auch das nicht immer so rosig ist und die Beständigkeit des alten möglicherweise auch seine Vorteile hatte.

In diesem Stadium des Lebens muss ich für meinen Teil sagen, bin ich zu alt um bei jedem neuen Kram mitzuziehen.  Einige meiner Freundinnen machen jetzt Hausparty. Meine erste Reaktion darauf war „Wer schmeißt ne Hausparty?“ dabei war ich wahrscheinlich nicht die einzige. Ich mein, Hausparty ist und bleibt Hausparty. Da treffen sich Leute, im richtigen Leben, vorzugsweise nicht im eigenen Haus, zum tanzen, trinken, essen und um im Allgemeinen einen tollen Abend und Nacht zu haben. Man wacht dann im Morgengrauen, in einem fremden Haus auf oder verlässt die Party in morgendlicher Frühe – wenn sie gelungen war. Wenn nicht, verschwindet man dann im Laufe des Abends, mit lustigen Geschichten und neuen Bekannten. Aber nein, als meine Freundinnen mir von Hausparty erzählt haben ging es nicht um die uns allen bekannte Hausparty, sondern um eine neue App. Mischung Social Network mit Facetime/Skype. Gruppen Viedeotelefonat mit wildfremden Menschen, weil der Freund von ‘nem Freund, da einen kannten. Eben Social Network mit dem real Hausparty-Potential, wenn plötzlich ein viertel der Gäste wildfremde sind. Weil einer, einen mitgebracht hat und die Freundin von ‘ner Freundin noch paar anderen Bescheid gesagt hat.

„Das ist total lustig. Lad‘s dir auch runter.“ Nein! Einfach nein. Ich habe keine Lust mit irgendwelchen merkwürdigen Leuten ein Videogespräch zu führen, zumal das Gruppengespräche sind, zu weiß der Geier wie vielen. Mit schlechtem Empfang und Bild. Ich mein das ist doch auch total unpraktisch für Untereergs. Zieht Mega viel Datenvolumen und ein wenig affig finde ich es auch, wenn ich mir vorstelle dann lautstark in der Bahn Hausparty zu machen.

Ein weiterer Grund, der mein Ablehnung noch verstärkt ist, dass man mit Leuten, die Hausparty machen kein richtiges Gespräch führen kann. Wir kennen doch alle die Situation, wir hängen mit unseren Freunden irgendwo rum. Es gibt zwar eine Primärbeschäftigung, an der alle teilhaben, doch zusätzlich dazu schaut jeder ab und an, manche länger als andere auf den Screen, des Displays. Weiter nicht tragisch, keiner von uns ist unfehlbar, außerdem gehört dieses immer mal wieder nachsehen mittlerweile dazu. Es hat sich etabliert. Um Gesprächen aus dem Weg zu gehen, Stille zu überbrücken, den anderen oder die Community an etwas teilhaben zu lassen.

Aber Hausparty?! Really?! Das geht weder so nebenbei, unauffällig und „mal schnell ckecken“. Das ist laut und lenkt ab und verhindert ein Gespräch. Wenn du mit jemandem im Gespräch bist, der währenddessen Hausparty mit Leuten macht, die er nicht kennt und die du dann dreimal nicht kennst, dann nervt das einfach nur! Sorry!

Da fehlt dann das NO-WIFI Schild oder jemand der die Handys einsammelt. Ich will keine Spaßbremse sein, aber in dem Fall sehe ich sowas nicht als Spaßbremser an, das hat was mit Wertschätzung des gegenüber und irgendwie auch mit Respekt zu tun. Noch so ein weiterer abgestaubte Begriff. Heute kram ich aber ganz schön tief in der Schublade. Ich weiß, dass ich selbst keine Heilige bin, was das Betrifft. Oft erwische ich mich dabei, wie ich während einer Unterhaltung, eine andere via Social Network führe oder meine Instagram Feed runterscrolle. Aber ich versuch zumindest, wenn ich mir die Zeit genommen habe, sie mit jemandem zu verbringen, mein Handy beiseite zu lassen. Ja und dazu schalte ich auch oft meine Mobilen Daten aus. Schock?

Oft wissen meine Freunde, wenn ich gerade etwas unternehme und dann, auch unabhängig davon, ob sie es wissen oder nicht, ist es okey, wenn man nicht rund um die Uhr erreichbar ist. Es ist okey, mal nicht immer auf Abruf zu stehen. Da gibt es nämlich noch ein Leben außerhalb von Socila Media. Ja ich weiß, das ist jetzt hart und zerstört das ein oder andere Weltbild: but truth hurts! Und sind wir mal ehrlich, selbst die tiefsinnigsten und besten Chat Konversationen, Snap Stories oder krassesten Instagram Feeds können keine wirkliche Unterhaltung ersetzten. Bei ‘ner Unterhaltung geht es nämlich um viel mehr, als einfach nur den Informationsaustausch. Sie ist tausendmal Vielschichttiger. Es geht um das wie und das ganze Drumherum. Körpersprach, Gestik, Nähe, Stimmung, einfach um die Interaktion miteinander. Es werden Dinge vermittelt, die man nicht teilen kann, wenn ein Bildschirm dazwischen ist.

Ich seh einfach keinen Sinn in dieser App. Für mich hat sie keinen Inhalt. Nur eine von vielen, die dafür sorgt, dass unsere Aufmerksamkeitsspanne immer mehr sinkt. Dafür, dass Anwesend und doch nicht anwendend sein sich noch mehr etabliert, als es das nicht ohnehin schon getan hat. Ich bin zu alt um bei dem ganzen Zeug mitzumachen. Mir fehlt schlicht und einfach auch das Interesse. Das Ganze ist in meinen Augen nicht gehaltvoll und birgt nichts, was mich reizt. Wenn ich jemanden am anderen Ende der Welt sehen will, reicht mir Facetime oder Skype, selbst WhatsApp hat jetzt seinen ganz eigenen Videoanruf. Oder ich mach es total old school und nehm einfach mal das Telefon in die Hand. Ich bin sowieso für mehr Telefon! Wenn es was Wichtiges gibt, ruf ich an. Hat mehrere Vorteile: Das ganze ist schnell geklärt und zieht sich nicht über Stunden, Tage oder Wochen. Außerdem ist es dann auch wieder ne Nummer persönlicher, als so eine Nachricht. Die man grad eben so nebenbei verfasst hat.


Wenn ich Lust auf Hausparty habe, dann geh ich zu einer oder gebe selbst eine, wobei ersteres wesentlich stressfreier ist. Dafür brauche ich keine App, die dieses Konzept vermarktet und in die virtuelle Welt verlager. Hauspartys sind irgendwie was Nostalgisches. Danach ist alles voller Reste und leerer Pappbecher und Flaschen. Man muss schnell alles aufräumen, weil sie doch meistens stattfinden, wenn jemand sturmfrei hat. Es gibt lustige Geschichten und ganz viel weißt du noch, als…

Bilder via tumblr

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